COM Wahl-DEBATTE „Reality Check nach der Wahl – Nutzen & Grenzen von Umfragen & Prognosen“

Am 28. September – 4 Tage nach der Bundestagswahl – wagten wir den Reality-Check und diskutierten mit vier Experten Nutzen und Grenzen von Wahlumfragen: Was haben uns die unzähligen Umfragen vor der Wahl „versprochen“? Und was haben die Wahlergebnisse am Wahlabend gehalten?

Eine zentrale Herausforderung für Wahlumfragen und Umfrageforschung ist, dass nur knapp ein Drittel der Bevölkerung politisch interessiert ist. Bei der letztlichen Wahlentscheidung handelt es sich daher bei vielen Bürgerinnen und Bürgern oftmals um Gradwanderungen. Bei Umfragen entstehen so Wahrscheinlichkeitsaussagen. Diese werden aber in der medialen Berichterstattung oftmals nur als Randnotiz genannt und Umfrageergebnisse eher als garantiertes Meinungsbild präsentiert. Dennoch betonten die anwesenden Experten die in diesem Jahr geringen Abweichungen von Exitpolls und Hochrechnungen zum Endergebnis, trotz des gestiegenen Anteils an Briefwählern.

Nicht nur die Erhebung, sondern auch die Analyse von Umfragedaten ist eine Herausforderung für Umfrageforscher, da diese oftmals schwer verfügbar sind. Außerdem ist es schwer, umfassende Stichproben zu ziehen, denn gerade die Parteien investierten weniger in Umfragen als beispielsweise in den USA. Diese Ausgangslage macht es schwierig, Trends in der Wählermeinung, wie beispielsweise den Schulz-Hype abzubilden und nachzuvollziehen.

Die Umfrageforschung reagiert auf die anhaltende Kritik seit der US-Wahl und dem Brexit-Votum, beispielsweise mit der Optimierung von Befragungsmodellen. Der oftmals nach den US-Wahlen geäußerte Vorwurf der „Kaffeesatzleserei“, zeigt aber, dass die langfristige Aufgabe von Umfrageforschung, d.h. die Abbildung und Erforschung gesellschaftlicher Trends, öffentlich kaum wahrgenommen wird.

Ein Grund dafür ist aus Sicht der Experten, dass hauptsächlich Medien Umfragen beauftragen, die dann auch die Interpretation und Kommunikation von Umfrageergebnissen in der Hand haben. Auch wenn es grundsätzlich schwierig ist, einen solchen Einfluss zu messen: Nicht Umfragen per se beeinflussen die öffentliche Meinung, sondern eher die Art der Berichterstattung. Ein Veröffentlichungsverbot von Umfragen direkt vor einer Wahl sehen die Experten daher nicht als sinnvoll, denn auch Nachrichten, die beeinflussend wirken können, werden weiter veröffentlicht. Hier bei Umfrageinstituten eine Grenze zu ziehen ist nach Auffassung der Experten nicht der richtige Weg und birgt zudem die Gefahr, dass unseriöse Umfragen als Grundlage für die Berichterstattung benutzt werden.

Wir danken den Referenten für die Einblicke in ihre Arbeit!

 

Unsere Referenten:

Dr. Viola Neu ist seit bald 25 Jahren bei der KAS und beschäftigt sich dort neben Parteien- und Wahlforschung vorrangig mit dem Phänomen „politischer Extremismus“.

Rainer Faus ist geschäftsführender Gesellschafter der pollytix strategic research gmbh und verfügt über Wahlforschungserfahrung in über 25 Wahlkämpfen. Mit dem pollytix-Wahltrend werden Sonntagsfragen von 8 Instituten in einem 20-Tage-Intervall aggregiert und tagesaktuell veröffentlicht.

Holger Geißler ist seit 2008 in verantwortlicher Position für YouGov tätig, aktuell in der Position des Head of Research und Sprecher des Unternehmens. YouGov führt verschiedene Studien zu Wahlthemen durch und stellt regelmäßig die Sonntagsfrage.

Marcus Groß ist Experte für Predictive Analytics bei INWT Statistics, einem Unternehmen für Data & Analytics. Er will mit einem eigenen statistischen Prognosemodell die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 vorhersagen. Er hat dieses Modell bereits im Juni bei einem COM Jour Fixe präsentiert und mit uns diskutiert.

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